Samstag, 9. April 2016

Formidables Formosa

Als der Flieger nach etwas mehr als 4 Stunden in den Sinkflug über Taipeh geht, fühlt es sich an, wie in Frankfurt zu landen. Sonnig ist es nur über der geschlossenen Wolkendecke. Darunter empfängt mich grau. Grau nass und kalt. Jetzt habe ich mir das ja irgendwie gewünscht, sage ich mir. Aber so wirklich glücklich bin ich darüber nicht.
In Bangkok hatte ich mir am Abflugmorgen eine meiner Plusterhosen angezogen und ein Tshirt, meine nackigen Füße stecken in Birkenstocksandalen. Aus meinem Rucksack am Gepäckband krame ich mir dazu schnell Fleecepulli und Windjacke. Bei der 2-stündigen Fährt ins Zentrum fange ich trotzdem das frösteln an. Es ist 19 Uhr abends, als wir am Bahnhof einrollen. Es regnet, hat 12 Grad und ich habe den ganzen Tag nichts zu essen bekommen. Was hab ich nur getan?? Hier ist alles voll garstig.
Als ich nach einer Suppe am Bahnhof zumindest eines meiner 3 Probleme behoben habe, watschle ich mit einem neuen Knirps gen Hotel und heule mich per Skype beim Sandi aus.
Alles ned so tragisch, beschwichtigt er mich, ich soll jetzt mal warm duschen, ne Nacht drüber schlafen und dann wird das schon wieder.
Und wie er recht behalten sollte...
Nach einer heißen Dusche fühle ich mich tatsächlich etwas besser, und mein Bett hat - ein Daunenkissen!!! Mit Federn! Versöhnt moffle ich mich in den Schlaf.
Am nächsten Morgen sagt man mir an der Rezeption, dass ich nicht verlängern kann, weil ausgebucht ist. Ein neues Hostel muss her. Als ich auf die Straße trete bin ich plötzlich im Sonnenschein. Ich frühstücke ein Schinken Käse Croissant, und mir geht es dabei schon sehr viel besser.
Als nächstes buche ich ein neues Hostel und ziehe mit Sack und Pack um. Das "Oxygen" liegt direkt neben dem 228 Memorial Park, und da ich das erste Mal überhaupt vorab das Geschichtskapitel meines Lonely Planet gelesen habe, weiß ich sogar grob, was ich mir da ansehe.

Exkurs - Jüngere Taiwanische Geschichte
(Ohne Anspruch auf ultimative Richtigkeit)
Taiwans strategisch günstige Lage im Pazifik hat immer wieder zu Kolonialisierungen geführt. Erst durch Holland, dann durch Japan.
Im Sino-Japanischen Krieg, den Japan verlor, fiel Taiwan dann an die Chinesen. Das war glaube ich zeitgleich mit dem 2. Weltkrieg. (Na gut, so intensiv hab ichs doch nicht gelesen...)
Auch China - obwohl ein Großteil der taiwanischen Bevölkerung aus Exilchinesen besteht, behandelte Taiwan als Kolonie und Ressourcenlieferant. De facto wurden viele Annehmlichkeiten aus der japanischen Kolonialisierung (Müllabfuhr, usw.) unter den Chinesen wieder vernachlässigt. 
Die chinesischen Besatzer waren die Kuomintang (KMT) unter Chiang Kai Shek, dessen Ziel es war, Taiwan chinesisch zu machen.
Gleichzeitig gab es aber innerhalb von China Machtkämpfe zwischen den KMT und den Kommunisten. Die Kommunisten (Mao & Co.) haben diesen Machtkampf für sich entschieden und die KMT flüchteten nach Taiwan.
Die KMT Diktatur hielt an bis in die späten 80er Jahre. Seither ist Taiwan eine Demokratie mit freien Wahlen und allem. De facto unabhängig. Aber nur fast. China sieht Taiwan nicht als eigenen Staat an, was auch der Grund ist, warum es in Taiwan zum Beispiel keine deutsche Botschaft gibt.
Allerdings wären die Taiwaner gerne unabhängig. Wirklich leiden kann man die "Mainlanders", die immer in Rudeln und im 200m Umkreis eines Reisebusses auftreten, hier nicht.
Und der 228 Incident.... Den kann man sicher auch auf Wikipedia nachlesen.

Im 2-28 Museum laufe ich an einem Tisch vorbei, an dem ältere Damen aus Papier Blumen basteln. "FREE" steht an einem Schild auf dem Tisch.
Ich setze mich dazu und tatsächlich bekomme ich von einer Dame erklärt, wie man eine solche Blume (Lilien, glaube ich) bastelt. Ich finde es interessant und habe gefühlt sein dem Kindergarten nichts mehr gebastelt, voll toll!! Aber die erste Blume wird mir immer wieder aus der Hand genommen.
Das hier ist nichts für Kleinkinder, sondern hochwissenschaftlich. 3 gelbe Fruchtstempel brauche ich, daneben 5 braune. Die braunen müssen exakt 5mm unter und kreisförmig um den gelben Stempel platziert werden.
Ich werde dabei genauestens observiert. Ich brauche 6 Blütenblätter, 3 davon konzentrisch um das Stempelkonstrukt, die anderen 3 in die Lücken dazwischen, oben müssen sie genau mit dem gelben Stempel abschließen... Etc. etc.
Wie gesagt, so eine Blume will schon liebevoll gebastelt sein.
Etwas trotzig mache ich nach der ersten noch eine 2. weil Blume 1 streng genommen meine Lehrerin gebastelt hat. Als ich fertig bin wird eine 3. Blüte dazuarrangiert, das Ganze wird kunstvoll geknickt und mir mitgegeben. Danach mache ich noch ein paar Fotos mit den Damen und trete glücklich wieder in den Park hinaus. Die sind ja nett.
Auch im Memorial Park selbst freut mich, was ich sehe. Die Menschen hier sind ein bisschen schrullig. Opis machen Tai Chi, andere spielen Kreisel, füttern Eichhörnchen, oder führen ihre Katzen an der Leine spazieren. Mir gefällt das. Hier macht jeder sein eigenes Ding. Am Ende des Parks steht ein weiteres Museum, und mit meiner Eintrittskarte komme ich sogar noch in ein drittes, gegenüberliegendes. Dort sehe ich - ebenfalls nach einer Ewigkeit - Dinoskelette. Im Museumscafe bestelle ich Waffeln mit Früchten und bekomme Waffeln mich Früchten und Cocktailtomaten, daneben komme ich mit einem Taiwaner ins Gespräch. Er malt mir sofort ein paar Kanjis auf einen Zettel, und sagt, dass sich an der Haltestelle mit diesem Namen einen Nachtmarkt finde und außerdem einen Berg besteigen kann. Mitten in Taipeh quasi. Glücklich schlendere ich durch eine Shopping-Seitenstraße wo ich in der Umkleide ebenfalls Begegnung mit einer ganz unorthodoxen Verkäuferin ohne jegliche Berührungsängste mache. (Sie versucht mich in irgendwas reinzuzwängen, das Größe L hat - leicht frustrierend aber irgendwie lustig.) Am Abend melde ich mich für das Pub Crawl an und mache Bekanntschaft mit der Kneipen und Clubszene Taipehs, sehe ein Karaoke Taxi, und lerne Casdeen, einen kleinen pfiffigen Taiwaner kennen. Am folgenden Tag mache ich gleich den nächsten Stadtspaziergang mit, der mich und einige weitere durch ein Fressviertel und schließlich vor das Chiang Kai Shek Memorial führt. Außer einer kleinen Handvoll Ausländern ist auch eine Gruppe taiwanischer Studentinnen mit von der Partie, die von ihren Dozenten aufgetragen bekommen haben, ihr Englisch auszuprobieren. In der Praxis redet eine, die anderen stehen etwas schüchtern lächelnd daneben. Aber als das Ende der Veranstaltung naht zückt jede nochmal kurz ihr Smartphone, macht ein Memorial-Selfie mit mir und addet mich auf Facebook. Weswegen ich jetzt ca. 8 neue Freundinnen habe, die ich so garnicht zuordnen kann. :) Es ist schon dunkel als ich auf den Xiangshan Elefantenberg klettere, um einen guten Blick auf das Taipei 101 zu erhaschen. Zurück im Hostel werde ich von Delia, die an der Rezeption arbeitet, ganz freudig begrüßt. Was ich morgen vorhabe, frägt sie mich. Öhm.... Nix. Ob ich mit ihr auf den Yangmingshan will? Weil sie hätte morgen frei, und sie würd gern mit mir hin... Wahnsinn, denk ich. Nichtmal um die Reiseplanung muss ich mich wirklich kümmern. Ich sage zu, und freue mich.

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