Am Morgen nach Harrys lebhaften Beschreibungen und den Billigmojitos in der Rockbar stehen wir beim Motorradverleih und sehen uns Mopeds an.
Der Mae Hong Son Loop ist eine ca. 800km lange Strecke in Nordthailand mit exakt 1.864 Kurven und wunderschöner Landschaft.
Der Vermieter möchte uns für unser Abenteuer einen Roller schmackhaft machen. Den Stauraum preist er an, 150 Kubik Hubraum und einen moderaten Spritverbrauch. Eine vernünftige Wahl, so ein Roller.
Aber der Sand wird ganz zappelig bei den Ausführungen. Mehrmals läuft er skeptisch um das massige und etwas unförmige Zweirad herum. Sagen wir es, wie es ist. Dieser Roller sieht absolut unsexy aus. Und unsexy, so hat er sich das nicht vorgestellt.
Aber im Grunde ist er ja ein Vernünftiger, deswegen sucht er nach irgendeinem logischen Grund, warum dieser Eimer auf Rädern nicht das richtige Fortbewegungsmittel für uns ist.
Er weiß nicht, wie so ein Roller in der Kurve liegt, äußert er schließlich seine Bedenken. Er ist sowas noch nie gefahren. Mit so kleinen Rädchen. Wer weiß wie da der Grip ist. Aber am meisten Sorgen macht ihm der Motor. Ob der's den Berg hochschafft? Die Crossmaschine hat immerhin 250... Kubik...dingers Hubraum, also 100 mehr, und das macht schon was aus... (Er sagt natürlich nicht Kubikdingers, schließlich hat er Ahnung. Aber ich nicht, und ich hab mirs nicht gemerkt). Ja und damit fährt man dann letztendlich auch sicherer, weil man wird dann nicht überholt und so...
Eine halbe Stunde später laufen wir wieder aus dem Laden, in der Hand einen unterschrieben Mietvertrag für ein gänzlich unvernünftiges aber sehr sehr geiles Cross-Motorrad. So riecht Freiheit! Nach Stollenreifen und einer krassen Federgabel. Und nach viel Hubraum, selbstverständlich. Hubraum ist voll wichtig.
Und auf einmal hat jemand ganz leuchtende große Augen. Die Tour wird bestimmt super, meint er.
Der restliche Tag ist dann der Organisation gewidmet. Wir packen um (alles nötige in den kleinen Rucksack), buchen schonmal einen Flug nach Bangkok, kaufen spontan (naja, weitestgehend spontan) eine SJCAM 4000 (GoPro für Arme) und selbstverständlich lassen wir uns mit einem von Ben's Cocktails in der Hand eine Fußmassage geben.
Am nächsten Morgen verabschieden wir uns ein letztes Mal von unserem Klodelphin (der eigentlich ein Gekko ist) und besorgen uns Knie- und Ellenbogenschoner sowie Rückenprotektoren. Vielleicht übertrieben, aber wär komisch, mit weniger Schutz aufs Motorrad zu steigen als auf ein Fahrrad, denken wir uns.
Ein kleines Vermögen später sehen wir aus wie die Ninja Turtles. Wir fahren los.
Unser erster Stop wird Pai.
Auf dem Weg dorthin werden wir Zeugen eines kleinen Auffahrunfalls, aber eigentlich wundert der nicht. Die Thais fahren wie die Henker. Es kann theoretisch zu jeder Zeit vorkommen, dass einem in einer Kurve Gegenverkehr auf der eigenen Fahrbahn entgegen kommt. Sei es weil jeder überholt, wenn er denkt es sei angebracht, oder einfach nur weil die Straße so herrlich breit ist. Hat man sich darauf mal eingestellt ist es wunderschön.
Als wir gegen Nachmittag mit einer Packung zerknuddelter Erdbeeren (unterwegs gekauft, nicht zu Ende konsumiert und zu Matsch zerdrückt) in Pai ankommen, beschließen wir, ein Hotel zu buchen das etwas abseits vom Ort liegt. Immerhin sind wir ja mobil!
Die Wahl fällt auf das Pura Vida Resort. Dort angekommen, sind wir überwältigt. Die Anlage sieht aus, wie ein japanischer Garten, mit Teichen, Brückchen drüber und viel grün. Unser Bungalow ist toll, und das reizende Besitzerehepaar erklärt uns von der Dusche bis zu dem wichtigsten Sehenswürdigkeiten alles was wir wissen müssen.
So starten wir dann auch rechtzeitig zum Sonnenuntergang in Richtung Pai Canyon. Interessante Steinformationen und viele Bäume lassen uns Fotos machen bis lange, nachdem die Sonne hinterm Horizont verschwunden ist.
Als wir in Richtung Motorrad zurücklaufen ist es bereits zappenduster. Jetzt was essen. Der Zündschlüssel dreht sich im Schloß. Das Motorrad springt an. Das Licht nicht. Mist. Der Sand flucht! Hat er extra noch überprüft, meint er.
Oh nein, oh nein, was machen wir jetzt?! Was würde Marina jetzt tun? Marina würde auf die Straße laufen, wild winken und darauf hoffen, dass jemand anders sich ihres Problemes annimmt und es löst.
Während ich noch überlege, ob ich besser mit einem, oder verzweifelt mit beiden Armen winken würde, rüttelt der Sand schon an der Motorradverkleidung für das Frontlicht. Braucht nen Schraubenzieher. Haben wir eh nicht. Und auch kein Schweizer Taschenmesser. Vielleicht winke ich mit 2 Armen, überleg ich mir.
Aber der Sand läuft einmal um das Moped rum und haut links unterm Sitz einmal mit der Hand dagegen. Und ich schwör das ist wahr: Es macht plopp, ein mysteriöses Geheimfach springt auf und ein Werkzeugkitt purzelt raus! Ja, wirklich! Motorräder haben Geheimfächer mit Werkzeug drin! Ich bin total überwältigt.
Wir schrauben die Verkleidung vom Licht ab. Also Sand macht das selbstverständlich, ich halte das Licht. Währenddessen läuft das Motorrad, denn wir müssen ja wissen, ob die Operation den gewünschten Effekt hat. Da sind ziemlich viele Kabel, und ein paar Stecker. Er zieht einen. Das Moped geht aus. Falscher Stecker, meint er.
Gut. Stecker wieder einstöpseln. Motorrad wieder starten. Wir haben es jetzt schon ein paar mal neu angelassen. Seine Miene verdunkelt sich abermals. "Die blöde Reisschüssel hat ja nichtmal nen Kickstarter! Da weiß man, was man an die Österreicher hat." An den Österreichern?! Wie kommt er denn jetzt auf die Österreicher? Und wofür genau sind die gut, außer Flüchtlinge von der ungarischen bis an die deutsche Grenze zu fahren? Aber gut, wir haben wichtigere Probleme und ich bekomme eine neue Aufgabe. Ich muss Gas geben. Damit die Lichtmaschine die Batterie schneller auflädt. Hier lernt man noch was.
Er rüttelt noch an ein paar weiteren Kabeln. Der ist so mutig, denk ich. Ob das denn nicht gefährlich ist, frage ich ihn über den Lichtstrahl hinweg. Nö, hat nur 12 Volt Steuerspannung, murmelt er. Ist alles harmlos, da vorne.
Moment, ist das derselbe Mann, dem ich vor einer Woche noch den Unterschied zwischen Spannung und Stromstärke mit den weisen Worten von Herr Spieß erklärt hab? (Spannung ist der Druck auf der Blase, die Stromstärke ist die Dicke des Pinkelstrahls - das war in der 8. Klasse Physik, aber den Vergleich vergisst man so schnell nicht.)
Und ich bin mir sicher, dass der Sand bei Quizduell IMMER noch Volt drückt, wenn er Ampere drücken müsste. Aber wen verdammt nochmal juckt das, weil er gerade einen Wackler gefunden hat und das Licht wieder funktioniert! Das Moped ist repariert! Real Life Mc Gyver! Kontaktspray bräuchten wir noch, sagt er, ob wir sowas zufällig...? Hallo? Ich musste meine lebenswichtigen Klangschalen zurücklassen, aber ja sicher, für Notfälle hab ich immer mein WD-40 in der Handtasche...
Geht aber auch ohne.
Wir fahren nach Pai City und drücken uns ein Steak mit Pasta rein. Ein ereignisreicher Tag geht zu Ende.
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